Verwöhne ich mein Baby durch das Tragen?

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Leider müssen sich Eltern, die ihre Kinder häufig tragen und hochnehmen, oft von Familienmitgliedern oder Außenstehenden anhören, sie würden ihr Baby verwöhnen. Verschiedenste Vorurteile und Vorwürfe kommen zur Sprache. Von „Du hinderst es doch daran, selbständig zu werden“ bis zu „So ziehst du einen Tyrannen groß“. Ist was dran an der Sache? Verwöhne ich mein Baby durch das Tragen?

Mensch ist ein Tragling

Vor der Begründung gleich mal die einfache Antwort auf diese Frage: Nein. Du verwöhnst Dein Baby nicht durch das Tragen! Zumindest nicht in irgendeinem negativen Sinne. Denn das Getragen-Werden ist dem Menschenkind in die Wiege gelegt, ist fest in seinen Genen verankert. Das heißt, dieses Verhalten, dass Babys weinen und quengeln, wenn sie nicht getragen werden, ist von der Evolution des Menschen verursacht und damit sinnvoll und wichtig.

Denn biologisch sind wir immer noch an Jäger und Sammler-Zeit angepasst, in der Abgelegt-Werden und Allein-Sein für ein Baby sicheren Tod bedeuteten. Darum haben Menschenkinder Mechanismen entwickelt, um diesem Schicksal zu entgehen. Intuitiv stellen sie sicher, dass sie nicht vergessen werden, dass immer Menschen in der Nähe sind. Das war für viele Millionen Jahre überlebenswichtig. Die „10.000 Jahre, in denen wir Kinder in Häusern sicher unterbringen können, sind dagegen ein evolutionärer Wimpernschlag“ (Schmidt, Nicola: Artgerecht. 2015, S. 161)

Erst im Laufe der individuellen Entwicklung lernen Kinder, was in ihrem heutigen kulturellen Umfeld als „sicher“ angenommen werden kann – und dass das etwas anderes ist, als ihre angeborene Intuition ihnen sagt. Im Säuglingsalter können Babys das noch nicht verstehen. Um sich sicher zu fühlen und sich richtig entwickeln zu können, sind sie daher auf die Erfüllung dieses Grundbedürfnisses nach Sicherheit angewiesen. Verwöhnen können wir sie dadurch nicht, im Gegenteil. Auf diese Weise ermöglichen wir ihnen eine gesunde kognitive Entwicklung.

Objektpermanenz

Denn erst mit etwa 9 Monaten können Kinder verstehen, dass Mama noch existiert, auch wenn sie nicht im Raum ist. Diese Fähigkeit nennt man Objektpermanenz. Wenn kleine Babys alleine abgelegt werden, verstehen sie nicht, dass trotzdem alles in Ordnung ist, dass Mama oder Papa noch immer da sind, obwohl sie sie nicht sehen können. So haben viele von ihnen große Angst, manche sogar Todesangst.  In einer solch extremen Gefahrensituation – auch wenn sie nicht echt, sondern nur empfunden ist – kann ein Baby sich nicht auf seine Umwelt, nicht auf sich selbst oder irgendwelche Lernprozesse konzentrieren. Es empfindet nur höchsten Stress und höchste Not. Dieser Stress wirkt sich auf alle Beteiligten aus und schadet den Babys seelisch wie körperlich.

Ein Baby braucht also keine Ruhe, sondern eine beruhigende Umgebung (Kirkilionis, Evelin: Ein Baby will getragen sein. 1999. S. 14). Es braucht das Gefühl, dass es Bezugspersonen ganz in der Nähe, am besten in körperlich spürbarer Nähe hat.

Intuition vertrauen

Intuitiv wissen wir das als Erwachsene und als Eltern auch. Denn der erste Impuls, wenn wir ein Baby schreien hören, ist, es hoch zu nehmen und zu trösten. Auch das ist ein uns angeborenes Verhalten. Das Schreien eines Babys geht den meisten Menschen durch Mark und Bein – wir wollen, dass es aufhört.

Erst die Bemerkungen von anderen verunsichern Eltern darin, was das Baby eigentlich braucht. Und das sind Nähe, Tragen, und Erfüllung der Grundbedürfnisse. Das sind „intuitive Elternfähigkeiten“ (Kirkilionis, Evelin: Ein Baby will getragen sein. 1999. S. 15), wenn Eltern ihrem Impuls folgen würden. Wenn die Kinder größer werden, möchten sie sich irgendwann ganz von alleine weiter von den Eltern entfernen und die Welt erkunden. Je mehr Sicherheit ein Baby in den ersten Lebensmonaten und -jahren erfahren hat, desto früher und unerschrockener wird es diese Phase erleben können. Denn ein sicher gebundenes Baby muss sich nicht darum sorgen, ob Mama noch da ist oder ob Papa aufpasst. Es kann sich auf die ihm völlig neue und aufregende Welt konzentrieren und sich frei und ohne Angst bewegen.

Mit Verwöhnen hat Tragen also rein gar nichts zu tun. Nur mit der Erfüllung wichtiger Grundbedürfnisse.

Woher kommt die Angst vor dem Verwöhnen?

In Deutschland wuchs eine ganze Generation in den 1930ern bzw. 1940ern in einer von Effektivität und Kriegsvorbereitung geprägten Mentalität auf. Der wichtigste Verdienst als Mutter war es, einen kampfbereiten, furchtlosen und widerstandsfähigen jungen Mann heranzuziehen. Psychische Gesundheit und Wohlbefinden wurden hinten angestellt. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden alle Mittel der Nazi-Propaganda eingesetzt: Frauen bereisten das ganze Land, um Müttern beizubringen, wie man seine Kinder richtig erzieht: mit Härte, strengen Prinzipien und keiner Spur von Milde oder Verständnis. Das Buch „Die Deutsche Mutter und ihr Kind“ von Johanna Haarer propagierte diese Erziehungsideale ebenso wie Hitlers „Mein Kampf“. Es gab Mütterorden und andere soziale Strukturen, die überwachten, dass „richtig“ mit den Kindern umgegangen wurde.

Wie die Babys und Kinder damals großgezogen wurden, mag man sich heute gar nicht vorstellen. Eine solche Kindheit als traumatisch zu bezeichnen scheint kaum übertrieben. Leider dauert es viele Generationen, bis ein solches Trauma und entsprechende Verhaltensweisen wieder verschwinden. Denn sie werden von Generation zu Generation weitergegeben. Erst allmählich befinden wir uns an einem Punkt, an dem viele junge Eltern neue Wege gehen. An dem sie wieder ihrer Intuition vertrauen und nicht dem Ratschlag der Großeltern. Ein Punkt, an dem Kinder wieder hochgenommen werden, wenn sie weinen und im Schlafzimmer der Eltern schlafen dürfen.

Allmählich wird so hoffentlich auch das Gerücht vom „Verwöhnen“ der Babys verschwinden.

 

Weitere Informationen und schöne Texte zum Thema „Babys Verwöhnen“ findest Du hier:

http://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2014/10/kann-man-ein-baby-verwoehnen-und-wo-ist-die-grenze-fuer-kleinkinder-kinder-stillen-tragen-familienbett.html

https://rubbelbatz.de/johanna-haarer-und-nazis-sollen-mich-und-mein-baby-in-ruhe-lassen/

https://das-kind-muss-ins-bett.de/hints_carryin.html

http://www.rabeneltern.org/index.php/wissenswertes/elternsein-wissenswertes/1222-babies-koennen-nicht-genug-verwoehnt-werden