Hüftdysplasie: Tragen als Alternative zur Spreizhose

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In den ersten Lebenswochen werden Säuglinge in den U-Untersuchungen sorgfältig im Hinblick auf eine Hüftdysplasie untersucht. Auch Tragen wird häufig in Zusammenhang mit einer richtigen oder falschen Entwicklung des Hüftgelenks gebracht. Tatsächlich kann richtiges Tragen als Alternative zur Spreizhose scheinbar sogar Hüftfehlstellungen therapieren. Leider wissen davon immer noch zu wenig Ärzte und es gibt darum wenig Beispielfälle, an denen man sich orientieren könnte.

Was ist eine Hüftdysplasie?

Bei Neugeborenen ist das Hüftgelenk noch nicht vollständig verknöchert, d.h. zusammengewachsen. Erst im Laufe der ersten Lebensmonate wird daraus ein „richtiges“ Gelenk. Damit Gelenkpfanne und -kopf richtig ineinander rutschen, müssen sie in dieser Zeit in einer bestimmten Position gehalten werden. Es gibt Säuglinge, bei denen Oberschenkelkopf und Gelenkpfanne zu weit voneinander entfernt liegen. So besteht die Gefahr, dass die Hüfte nicht richtig zusammenwächst und sie später hinken oder Schmerzen haben. Im Alter ist dann meist eine Operation unumgänglich.

Hüftdysplasie oder Hüftgelenksdysplasie ist dabei ein Sammelbegriff für verschiedene angeborene oder erworbene Fehlstellungen der Hüfte im Säuglingsalter. Durch  sonographische Screenings bei den U-Untersuchungen werden Fehlstellungen und Störungen im Verknöcherungsprozess in westlichen Ländern mittlerweile fast immer entdeckt und mit einer entsprechenden Behandlung Spätfolgen verhindert.

Therapie einer Hüftdysplasie durch Spreizhose

Wenn bei den Vorsorgeuntersuchungen festgestellt wird, dass eine Hüftfehlbildung droht, wird in der Regel eine Spreizhose verordnet. In leichteren Fällen reicht breites Wickeln, in schweren Fällen wird manchmal sogar das Hüftgelenk eingegipst. Nur in extremen Fällen droht eine Operation des Gelenks.

Denn die noch knorpeligen Strukturen des Hüftgelenkes, also Hüftkopf und Gelenkpfanne, werden erst im Laufe der ersten neun Lebensmonate durch feste Knochensubstanz ersetzt. In dieser Zeit kann man die Stellung des Gelenkes noch durch Maßnahmen wie eine Spreizhose beeinflussen. Denn auch wenn eine Vererbung der Fehlstellung angenommen wird (genetische Disposition), kann man diesem Schicksal mittlerweile fast immer entgehen. Deshalb wird eine mögliche Fehlstellung so streng kontrolliert und kommt heute bei älteren Kindern kaum noch vor.

Der Nachteil dieser frühen Therapie bzw. Prophylaxe liegt in der starken Bewegungseinschränkung für das Baby. In einer Spreizhose kann es nur auf dem Rücken liegen und diese Position ist sehr unbequem. Babys in einer Spreizhose weinen daher viel. Auch für Eltern ist es schwieriger, Körperkontakt zum Neugeborenen zu suchen – erwiesenermaßen werden sie weniger häufig hoch genommen als Babys ohne Spreizhose oder Gips. Und das in einer Zeit, in der das Baby verzweifelt ist und umso mehr Trost bräuchte.

Tragen als Alternative zur Spreizhose

Leider wissen die wenigsten Ärzte und betroffenen Eltern, dass das Tragetuch oder eine gute Babytrage anscheinend eine gleichwertige Alternative zur Spreizhose darstellt.

Achtung!
Die folgend dargestellten Sachverhalte entsprechen dem aktuellen Wissensstand über das Tragen und sind vornehmlich der unten angegebenen Quelle (Kirkilionis, Ein Baby will getragen sein) entnommen. Sie ersetzen keine ärztliche Meinung oder Betreuung von Babys mit Hüftdysplasie und für ihre Richtigkeit kann ich keine Haftung übernehmen.

Die Anhock-Spreiz-Haltung, die Neugeborene im Tragetuch einnehmen, entspricht genau den Werten, die durch eine medizinische Therapie mit der Spreizhose oder das Eingipsen der Beinchen erreicht werden. Sogar einfaches Tragen auf der Hüfte kann eine ähnliche Haltung erzeugen. Denn Säuglinge nehmen natürlicherweise eine Anhock-Spreiz-Haltung ein, wenn sie von der Mutter auf die Hüfte gesetzt werden. Die Oberschenkelknochen sind ca. 40° voneinander abgespreizt und ca. 110° nach oben angezogen. Diese natürliche Haltung nimmt ein Säugling von selbst ein, wenn man ihn auf die Hüfte setzt und mit dem Arm stützt. (Vgl. Kirkilionis, S. 40)

Ihr Baby nimmt während des Hüftsitzes eine Beinhaltung ein, die seinen anatomischen Gegebenheiten entspricht – und erfüllt dabei gleichzeitig die therapeutischen Erfordernisse bei einer Hüftdysplasie auf eine ungezwungene, den kindlichen Bedürfnissen angepasste Weise. (Kirkilionis, S. 45)

Die Spontanheilung bei einer Hüftdysplasie ist relativ hoch (bis zu 80%). Wenn nun in der Trage zusätzlich die Durchblutung durch Bewegungsreize gefördert wird, ist das für die Heilung ebenfalls förderlich. (Vgl. Kirkilionies, S. 50f.) Tragen ist also eine kindgerechte Therapie bzw Prophylaxe einer Hüftdysplasie. Im Gegensatz zur Spreizhose oder Gips fühlen sich Eltern wie Baby wohl dabei, die Tränen und damit der Stress bleiben aus. Und ganz nebenbei profitiert das Baby noch von weiteren Vorteilen des Tragens.

Leider wird in Krankenhäusern und von Kinderärzten meist nur empfohlen, breit zu wickeln oder eine Spreizhose verordnet. Tragen, das zusätzlich zur Spreizhaltung auch noch die Anhockung (therapeutisch noch wichtiger) bietet, wird nicht erwähnt oder es wird sogar davon abgeraten. Wenn Du ähnliche Erfahrungen gemacht hast, hol dir eine zweite und zur Not eine dritte Meinung ein! Natürlich solltest Du immer in Absprache mit einem Arzt und nicht auf eigene Faust handeln – denn je nach Schwere der Fehlstellung müssen vielleicht andere Maßnahmen als eine Spreizhose eingesetzt werden.

Auch können die wenigsten Eltern gewährleisten, ihr Baby 24 Stunden am Tag in der Trage zu haben. Für die verbleibenden Stunden ist daher vielleicht trotzdem eine Spreizhose nötig.

Für vertiefte Lektüre: Kirkilionis, Evelin: Ein Baby will getragen sein. Kösel, München 2013. S. 42 – 51. 

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